Alles Kopfsache!

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  • Beitrag zuletzt geändert am:21. Juli 2026

Vor Jahrzehnten las ich einen Spruch der Verwunderung, der sich mir fest eingebrannt hat: „Ein Dingk wie der Kopf: Enthält die Welt und passt auf ein Kissen.“ Berichte ich speziell von meinem Kopf, so sprudeln zusätzlich aus ihm täglich die verschiedensten Gedanken. Das überrascht und erfreut mich immer aufs Neue. Manche taugen sogar für den Aufschrieb, so denke ich wenigstens. Einige gar thematisch für diesen Blog. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich beim Sprudeln aktiv oder passiv beteiligt bin. Irgendwie beides. So kann ich nicht sagen, woher die Gedanken kommen. Darum passt die Bezeichnung als „Einfall“ perfekt: Etwas fällt mir sozusagen plötzlich und ungerufen vor die Füße, dringt ein in mein Bewusstsein. Intellektuelle Bescheidenheit sollte darum eigentlich heißen, die Frage nach dem Woher offen zu lassen. Vielleicht injiziert mir ein Wesen aus der Welt hinter der unseren täglich meine vom Plan vorgesehen Dosis. Als jemand, der dem Naturalismus verschrieben ist, halte ich es allerdings eher für naheliegend, die Quelle in mir zu suchen.

Oh je, jetzt wird’s wohl doch etwas länger!

Naturalismus ist Idee, dass es in der naturgesetzlich geregelten Welt keiner außerweltlichen Kräfte bedarf, um ihren Fortgang zu verstehen. Weiterhin hat sich in der Geschichte Ockhams Rasiermesser bewährt, nachdem man immer zuerst der naheliegenden Erklärung folgen sollte, bevor man neue Konzepte wie z.B. außerweltliche Kräfte bemüht. Die hätten darüber hinaus den Nachteil, dass sie nicht direkt nachweisbar und darum auch nicht erforschbar sind. Es liefe also auf eine Scheinerklärung hinaus.

Bei der innerweltlichen Erklärung der Vorgänge im Kopf stoßen wir auf eine seltsame Zweiteilung:

Zum einen kann meines Wissens nach das Manifest der Gehirnforscher von 2004 heutzutage immer noch Gültigkeit beanspruchen: Es besagt, dass wir viel über einzelne Nervenzellen (Neuronen) und ihre Verschaltung untereinander wissen. Wir können ihr Verhalten recht gut erklären. Das wäre die niedere funktionale Ebene. Ganz „oben“ haben Generationen vor uns die psychischen Funktionen und Fähigkeiten wie Gedächtnis, Intelligenz, Schmerz usw. recht gut erforscht. Dank bildgebender Verfahren (fMRT) können wir sogar lokalisieren, welche Gehirnbereiche bei welchen Funktionen aktiv sind. Was fehlt, ist sozusagen der Mittelbau mit der Frage: Wie kooperieren die Milliarden Neuronen mit ihren Billionen Synapsen (Nervenverbindungen) nun konkret, um all unser Seelenleben zu erzeugen? Da heißt es manchmal lapidar, die Funktionen des Gehirns seien noch nicht vollständig entschlüsselt. Ich würde sagen: Was die besagte Kooperation für all diese Funktionen angeht, haben wir keinen blassen Schimmer. Das zeigt z.B. ein Blick in die Fachliteratur der kognitiven Neurowissenschaft. Mehr noch: Es ist auch gar nicht absehbar, dass wir hier zu nennenswerten Fortschritten kommen könnten.

Zum anderen kennen wir aus vielen anderen Bereichen das Phänomen der Emergenz: Bringt man unscheinbare Elemente zusammen, können sich Eigenschaften zeigen, die man den Elementen selbst sich nicht zuschreiben kann. Mein Lieblingsbeispiel diesbezüglich stammt von Konrad Lorenz aus seinem Buch „Die Rückseite des Spiegels„: Man denke sich einen Wollfaden und eine kleine Metallkugel mit Öse vor sich auf dem Tisch liegen. Man kann beides hin- und her schieben bzw. rollen oder auf den Tisch fallen lassen. Nichts Aufregendes. Doch knüpft man den Faden an die Öse und hält das Gebilde am anderen Ende in die Höhe, offenbart sich eine neue Eigenschaft: Die Kugel pendelt mit großer Regelmäßigkeit, gar Berechenbarkeit. Wären wir in einer Kiste eingeschlossen und befänden wir uns entweder auf Erde, Mond oder Mars, so könnten wir aus der Pendelfrequenz unzweideutig auf unseren Aufenthaltsort schließen! Wir beobachten also eine wohldefinierte Systemeigenschaft d.h. die Pendelfähigkeit, die wir keinem der Konstituenten Faden oder Kugel zuschreiben können. Doch woher kommt sie? Deren „Entstehung“ im Wechselspiel mit den Naturgesetzen nennt man Emergenz. Es gibt also – außer dem unbegreiflichen Sosein des Universums – keine Erklärungslücke bzw. Erklärungsbedarf. Mit diesem Gedanken mag man sich vielleicht gar nicht so leicht anfreunden. Mir ist er bei Computer-Experimenten in den letzten Jahrzehnten öfters über den Weg gelaufen, nämlich bei den Programmen EvoLab, NeuroLab, Boids und Particle Life. Zusätzlich klafft zwischen meinen eher simplen Programmen und einem Gehirn ein immens großer Graben, was die Komplexität angeht.

An dieser Stelle nun drängt sich ein Vergleich menschlicher Gehirne mit den großen Sprachmodellen der Künstlichen Intelligenz auf: Auch deren Fähigkeiten lassen sich nur als emergente Phänomene begreifen. Keineswegs wurden sie in der gleichen Weise absichtsvoll von Menschen programmiert wie herkömmliche Software. Die beteiligten Ingenieure waren selbst überrascht, auf welche Goldader sie dort gestoßen waren. Und anders als beim Gehirn lässt sich eine KI bei ihrer Arbeit Schritt für Schritt im kleinsten Detail beobachten und beliebig oft exakt gleich ausführen. Trotzdem gibt es keine Möglichkeit, mit Kenntnis eines Ausgangszustandes, also Prompts, das Ergebnis vorherzusagen, ohne die KI selbst zu bemühen! Was man sieht, sind endlose Zahlenkolonnen, deren Bedeutung sich aber nicht erschließen lässt.

Die Sprachmodelle sind damit transparent und intransparent zugleich. Ich bin mir sicher: Was die Intransparenz angeht, sind sich Gehirne und große Sprachmodelle gleich: Wir Menschen werden ihr Geheimnis nie ergründen. Dazu würde es nämlich einer Beschreibungssprache bedürfen, die unsere mentalen Kapazitäten weit übersteigt. Wie heißt es im Bonmot so schön: Wäre das Gehirn so einfach gebaut, dass wir es verstehen könnten, wären wir aus genau diesem Grund zu dumm dazu! Und weil Subjekt und Objekt der Betrachtung hier zusammenfallen, ist eben alles Kopfsache!

P.S. Bei nachträglicher Prüfung der Quelle in Lorenz‘ Buch habe ich zwar Abweichungen feststellen müssen, bleibe aber trotzdem bei meiner Version: 1. Statt Wollfaden und Pendel bemüht Lorenz einen schwingfähigen elektrischen Schaltkreis und 2. bevorzugt er den Begriff der Fulguration. Die Aussagen dort und hier sind aber gleichwertig.

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