Wisse immer, was du sagst!

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  • Beitrag zuletzt geändert am:11. August 2026

Wisse immer, was du sagst, aber sage nicht alles, was du weißt!

Informations-Gefahren

Hier soll es um die Gefahren gehen, die mit der Verbreitung korrekter Information einher gehen können, also gerade nicht um Desinformation bzw. Fake News, über die ich z.B. hier auch schon geschrieben habe. Zu den folgenden Überlegungen angeregt hat mich heute ein Video von Nate Hagens, dessen Liste von Gefahren ich weiter unten ausbreite und kommentiere. Aber fangen wir erst einmal bei uns selbst an:

Als Kind wurde uns eingeimpft, immer die Wahrheit zu sagen. Diese Anweisung folgt dem achten Gebot in der Bibel: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Sie ist gemeinschaftsdienlich, weil sie das Vertrauen und den Zusammenhalt zwischen den Menschen stärkt, und somit durchaus zu befürworten. Denn wer will schon belogen werden?

§64 der Strafprozessordnung geht mit der Eidesformel einen Schritt weiter. Sie lautet sinngemäß: „Ich schwöre, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit sage und nichts verschweige“. Oder mit anderen Worten: Man soll die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Das ist deutlich mehr, als nur nicht zu lügen! Aber ist das immer auch eine gute Idee? Die ganze Wahrheit bzw. die selbst für wahr empfundene eigene Meinung zu sagen in der Partnerschaft, der Familie, unter Kollegen usw. kann fatale Folgen haben, das wissen wir alle.

Dem entgegen steht darum das Bonmot: „Wisse immer, was du sagst, aber sage nicht alles, was du weißt!“ Es ist einerseits ein Aufruf zu intellektueller Redlichkeit, keine vorschnellen Verallgemeinerungen und Urteile von sich zu geben. Andererseits aber auch eine Warnung, mögliche negative Auswirkungen nicht zu übersehen, wenn man seinen Worten keine Zügel anlegt. Leider steht es im Konflikt mit Offenheit und Transparenz, die notwendig ist, um Vertrauen zu schaffen. Mache ich mehrfach mit meinem Gegenüber die Erfahrung, dass er oder sie mir zwar nichts Falsches, aber eben nur die halbe Wahrheit mitteilt, werde ich misstrauisch.

Im gesellschaftlichen Leben gibt es weitere Situationen, wo es darauf ankommt, Informations-Gefahren zu vermeiden. So werden die Inhalte diplomatischer Konsultationen oder Vereinbarungen zwischen Staaten in einer Krisensituation oft zu Recht geheim gehalten, weil deren Bekanntgabe von einer der Parteien nachteilig empfunden werden könnte und somit eine Einigung erschweren, gar verhindern würde.

Die Polizei hält Informationen zurück, auf die zu kennen die Öffentlichkeit ein Recht hat. Das geschieht mit dem Gedanken, dass durch die Bekanntmachung mögliche Täter oder Beteiligte Auskunft über den Informationsstand der Polizei erhalten. Das will man natürlich vermeiden. Z.B. würde die Polizei nicht mittteilen, dass sie über Fotos oder Fingerabdrücke der Täter verfügt, wenn diese es nicht ahnen. Sie würden sich viel vorsichtiger bewegen und so ihre Ergreifung erschweren. Das nennt man polizeitaktisches Verhalten.

Doch nun zum Katalog der 12 Informations-Gefahren von Nate Hagens. Diese Überlegungen zu kennen kann auch wichtig sein, um zu verstehen, warum Menschen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten einem bestimmten Publikum manche Dinge gerade nicht oder nicht deutlich sagen, obwohl es vielleicht auf der Hand liegt oder gar gefordert wird. Dass ihr Schweigen eben keine unangemessene Verheimlichung darstellt, sondern der Vermeidung von Risiken dient.

Wer des Englischen mächtig ist, sollte vielleicht das Video im Original anschauen (Deutsche Untertitel verfügbar). Für mich habe ich folgende Liste zusammengetragen, angereichert mit eigenen Gedanken.

Doch vorab noch einmal die wichtige Definition: Der Begriff „Informationsgefahr“, den der Philosoph Nick Bostrom vor etwa 15 Jahren prägte, beschreibt jedes Risiko, das aus der Verbreitung wahrer Informationen entsteht. Wahre Tatsachen, nicht Lügen oder Fehlinformationen, sondern Wahrheiten, die potenziell Schaden anrichten können, wenn sie allgemein bekannt werden.

Gefahr #1: Wahrheit gegenüber der Macht

Wenn man die Wahrheit gegen die Mächtigen ausspricht, kann dies auf den Sprecher zurückschlagen. Möglicherweise wird man diskreditiert, verunglimpft oder gar ausgeschlossen. In autoritären Staaten kann natürlich auch das Leben bedroht sein. Dass in früheren Zeiten die Überbringer schlechter Nachrichten bisweilen geköpft wurden, mag eine übertriebene Erzählung darstellen, aber ganz scheint das Muster nicht verschwunden zu sein.

Gefahr #2: Immunisierung

Analysiert man unerwünschte wirtschaftliche oder gesellschaftliche Strukturen und propagiert eine Strategie, um sie zu überwinden, werden die Menschen, die von den bestehenden Verhältnissen profitieren und darum keine Veränderung wünschen, genau zuhören. Sie werden Gegenmaßnahmen ergreifen, um die Kräfte der Umgestaltung ins Leere laufen zu lassen. Siehe die Energiewende und die fossile Lobby.

Gefahr #3: Doppelte Verwendung

Informationen, welche Schwachstellen offenlegen, damit ein Prozess zu ihrer Beseitigung angestoßen wird, führen gleichzeitig Angreifer zu den lohnenden Zielen. Siehe die bekannte Verwundbarkeit mancher Infrastruktur in Deutschland! 

Gefahr #4: Aufnahme durch Künstliche Intelligenz

Alles öffentlich Gesagte wird zu Trainingsdaten für die riesigen Sprachmodelle. Jeder Essay, jedes Podcast-Transkript, jede sorgfältig durchdachte und logisch aufgebaute Analyse unserer Lage und der weiteren Vorgehensweise wird von diesen Sprachmodellen, die größtenteils großen, gewinn- und wachstumsorientierten Unternehmen gehören, aufgenommen und verarbeitet und dann in großem Umfang wieder in den übergeordneten Organismus und dessen Verhalten eingespeist. Möglicherweise zu unserem Nachteil.

Gefahr #5: Rampenlicht

Viele private Naturschutzprojekte nutzen kreative Finanzstrukturen oder Lücken im Gesetz, um Gutes zu bewirken. Diese Vorgehensweise ans Licht zu ziehen könnte ihr Aus bedeuten, weil so Gegenspieler auf den Plan gerufen werden oder Trittbrettfahrer, die ihren Anteil abzweigen und danach der Weg ungangbar wird.

Gefahr #6: Kassandra-Timing

Berechtigte Warnungen, die zu früh ausgesprochen werden, zerstören die Glaubwürdigkeit der Person oder Gruppe, die sie ausspricht. Sie werden als Alarmisten diskreditiert. Zu spät artikulierte Warnungen können hingegen ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Als arrogant wird man erscheinen, wenn man nach Eintritt des Befürchteten wahrheitsgemäß feststellt: „Ich habe es euch ja gesagt!“. Der Zeitpunkt der Warnung muss also gut gewählt werden.

Risiko #7: Sich selbst erfüllende Prophezeiung

Erinnern wir uns noch auf den Engpass beim Toilettenpapier während der Corona-Krise? Wenn alle glauben, es wäre knapp, wird es tatsächlich knapp, weil sich alle noch schnell eindecken wollen und so die Regale bald geleert sind. Ein anderes bekanntes Phänomen ist der Bankansturm (bank run).

Gefahr 8: Die Reise nach Jerusalem

Bei diesem Gesellschaftsspiel geht es um knappe Ressourcen, nämlich Stühle, die von den Tanzenden beim Aussetzen der Musik schnell besetzt werden müssen, um nicht leer auszugehen. Sollte z.B. eine ernste Wirtschaftskrise die Ernährung bedrohen, so werden die Reichen sich zu Wucherpreisen um die landwirtschaftlichen Betriebe und Flächen streiten. Eine geordnete Organisation der Ernährung der Bevölkerung wird dann deutlich erschwert und letztlich von fachfremden Finanz-Akteuren dominiert.

Gefahr #9: Verzweiflung

Wie geht man mit den ganz schlechten Nachrichten für die Menschheit um? Ohne Handlungsfähigkeit, ohne Gemeinschaft, ohne die Aussicht, etwas Sinnvolles tun zu können – mit den eigenen Händen, der eigenen Zeit, dem eigenen Herzen, den Nachbarn und der Gemeinschaft – geht es vielen Menschen schlechter, als wenn sie nie davon gehört hätten. Das betrifft auch für Ärzte bei lebensbedrohlichen Krankheiten.

Gefahr #10: Beruhigung

Dies ist das Komplement von #9: Manche Kommentatoren der Klimakrise neigen dazu, doch noch ein gutes Ende in Aussicht zu stellen. Damit schwächen sie womöglich die Entschlossenheit, sich ihr energisch entgegen zu stellen, weil ja angeblich doch von irgendwoher die Rettung naht. Die Beruhigung wirkt also ebenfalls kontraproduktiv.

Gefahr #11: Nur die halbe Karte

Ich erinnere mich an meinen Auftritt im Kepler-Gymnasium, wo ich mit den Schülerinnen und Schülern das Klima-Puzzle erarbeitet habe: Es endet leider mit einer Reihe erschreckender Szenarien: Hungersnöte, Bürgerkriege, zerstörte Natur. Es braucht doch eine zweite Hälfte des Puzzles, die aufzeigt, wie wir diese verhindern können, um die Zuhörer nicht zu entmutigen!

Gefahr #12: Paranoia

Sobald man anfängt, alles, was man weiß, gegen alles abzuwägen, was man gefahrlos in diesem oder jenem Kreis von Zuhörern sagen kann, wird diese Abwägung selbst zur Belastung und zum Risiko für die eigene Glaubwürdigkeit: „Neulich hast du noch ganz anders gesprochen!“ – „Ja, aber da waren ja auch X und Y anwesend!“ – „Dürfen die das nicht erfahren? Spielst du mit gezinkten Karten?“

Gefahr #13: Sozialer Ausschluss

Artikuliert man in seiner sozialen Umgebung unermüdlich die Diskrepanz zwischen notwendigem, klimafreundlichen Handeln und tatsächlichem Verhalten des Einzelnen, z.B. was Flugreisen oder Kreuzfahrten angeht, so droht eine Abwehrreaktion bis hin zum Ausschluss. Das ständige – und in der Sache ja gerechtfertigte – Hinweisen wird schnell als penetrant, Spaßbremse, Nörgelei oder gar als Angriff auf Freiheit und Lebensfreunde empfunden. Womöglich beschädigt man noch den gesunden Optimismus der Jugend! Man darf sich also nicht wundern, wenn man dann gemieden und ausgegrenzt wird. Weil dieser soziale Mechanismus nun so offensichtlich ist, betreiben die meisten eine – kontraproduktive! – diskrete Vergebung.

Beachte: Dieser letzte Punkt taucht in der Liste von Nate Hagens nicht auf.

 

 

 

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