Diese Zuschreibung ist für mich Wort des Jahres 2026, zumindest, was die erste Hälfte angeht. Es betrifft etliche Vorgänge in meinem näheren und weiteren Umfeld und ich frage mich: Woher kommt das willensschwache Verhalten so vieler Menschen? Oder leben wir in einer Gesellschaft, die Ambitionen egal welcher Art misstrauisch beäugt und schnell Bedenken für deren Umsetzungen lauthals vorbringt – wie auch bei Innovationen? Dann reicht schon die Ängstlichkeit vieler Menschen, die sich in Konfliktscheu manifestiert und jeden Fortschritt blockiert.
Ich möchte beispielhaft die Antriebswende bei PKWs anführen, die sich mir als E-Auto-Fahrer immer besonders eindrücklich offenbart: Spätestens seit dem Pariser Abkommen von 2015 (!) wissen alle, dass wir als Menschheit die Emissionen von CO2 komplett einstellen müssen, wollen wir unseren Nachfahren eine „gesunde Welt“ hinterlassen. Und seit Jahren kommen wir Deutsche mit der CO2-Reduzierung im Verkehrssektor nicht voran. Jahrelang kreiseln wir ambitionslos in Millionen Diskussionen, um zur immer selben Erkenntnis zu gelangen: Nur batterie-elektrische Autos (BEVs) können hier Abhilfe schaffen!
Entsprechend mache ich folgende Beobachtungen:
Erstens: Plane ich eine Reise mit meinem E-Auto durch Deutschland, sind eine Menge Vorbereitungen zu treffen: Ich sollte über eine ausreichende Anzahl von Ladekarten verfügen (bei mir nur 2: EnBW und EWE) und entsprechende Apps auf dem Smartphone installiert haben, z.B. diese: ecowerk (ehemals TüStrom), EnBW, EWE und Tesla. Weil die Preise an den Ladesäulen schnell einmal auf das Doppelte meines Heim-Tarifs springen, sollte ich eine grobe Ladeplanung mit den Angeboten meiner Anbieter durchführen. Was nur in den Apps auf dem Smartphone gelingt, nicht am PC. Dabei stellt sich heraus, dass die meisten normalpreisigen Angebote auf einer Autobahn-Tour gen Norden sich abseits davon in Autohöfen, Industriegebieten oder im Stadtgebiet bei McDonalds finden.
Als ich einfach mal auf einem regulären Autobahn-Rastplatz laden wollte, verlief es so: Am einzig freien Ladeplatz versuchte ich bei 30 °C in der prallen Sonne, die auf das Display der Ladesäule schien, voran zu kommen. Bis ein freundlicher Mensch mir mitteilte, dass diese Säule gar nicht erst mit dem Laden startet – so auch bei mir. Oder aber ich musste eine abenteuerliche Pfadfinderleistung vollbringen, um den räumlich sehr nahen, aber in der Anfahrt kilometerweit von der Autobahn entfernt liegenden kostengünstigen Ladepunkt meines Anbieters zu finden. Oder ich musste rückwärts in die allzu enge Ladebucht manövrieren, konnte kaum die Tür öffnen und dann irgendwie das Ladekabel an mein Auto bugsieren. Glücklicherweise geschah all dies bei trockenem Wetter. In allen Szenarien gilt: Wenn es einmal regnet, wird’s unangenehm!
Wenn für ein Land wie Deutschland klar ist, dass wir weg kommen müssen von den Fossilen, dann sollte ich als E-Auto-Fahrer mich nicht behandelt fühlen als Eigenbrötler, der sein Spezial-Gefährt laden muss, das neben Benzin und Diesel einem marginalisierten Geschlecht angehört, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, das man aber sich auch nicht traut, auszugrenzen! Dann brauchte es
überdachte, geräumige Ladepunkte auf dem Gelände der Autobahn-Raststätten in ausreichender Zahl, bei denen man zu groß angezeigten, angemessenen Tarifen laden kann und mit herkömmlichen Mitteln bezahlen. Und natürlich dürfte die Ladeleistung nicht einbrechen, sobald der benachbarte Ladeplatz auch genutzt wird. Das erzeugt schädlichen Unmut!
Das würde vielen den Umstieg zum E-Auto erleichtern, vor allem Frauen. Der Hinweis: „So etwas regelt der Markt!“ ist absurd. Wo also sind unsere Ambitionen als Land? Die Energiewende und Dekarbonisierung ist eine Menschheitsaufgabe, genau wie die Friedenssicherung oder Bekämpfung von Armut und Artensterben. Warum wollen weite Kreise unserer Gesellschaft sich dem nicht stellen? Ich verstehe das nicht.
Zweitens: Fahre ich durch Großstädte, sehe ich an den Fahrbahnrändern der Straßen beidseitig und kilometerweit eng parkende Autos – natürlich meist Verbrenner. Wo ist hier irgend ein Fortschritt bei der Verkehrswende zu beobachten? In meiner Heimatstadt Wuppertal wenigstens nicht. Wegen des Geländes im Stadtgebiet (viele Steigungen!) fällt ein großflächiger Umstieg auf Fahrräder aus, sie müssten mindestens elektrisch sein. Auch fehlt ihnen schlicht die Verkehrsfläche und natürlich Abstellmöglichkeiten vor dem Haus. Auch für eine angemessene Lade-Infrastruktur ist kaum Platz.
Die Gretchenfrage ist doch: Wie ist eine Entfernung all der vielen Privat-PKWs aus dem innerstädtischen Bereich politisch durchsetzbar? Viele Familien müssten auf ihr eigenes Auto verzichten! Welches Konzept ist hier zumutbar? In den online verfügbaren Planungsunterlagen habe ich außer schönen Worten darauf keine Antwort gefunden. Wo also sind unsere Ambitionen als Land, was diese Frage betrifft? Manchmal habe ich den Eindruck, man möchte die Klimakrise bzw. die daraus resultierenden Forderungen einfach aussitzen. Darauf scheinen sich Bürger wie Politiker stillschweigend geeinigt zu haben – ambitionslos.
Nun bin ich bestimmt kein Freund des „kommunistischen“ Systems in China. Aber deren Ambitionen, die sich in der beharrlichen Umsetzung langfristiger Strategien zeigen, beeindrucken mich. Sind wir zu satt d.h. wohlstandsverwöhnt, dass wir im Vergleich zu diesem Land so armselig daherkommen?

Du hast Recht, Martin: Erfahrungsberichte wie deiner werden bei Verbrenner-Besitzern natürlich kaum die Sehnsucht nach einem E-Umstieg auslösen. (Obwohl deiner mich auch nicht davon abhalten würde, wenn er bei uns zur Zeit anstehen würde.) Zum Titel deines Beitrags: Man hätte auch „Organisationslos“ oder „Ahnungslos“ darüber schreiben können: Die Regierenden in Bund und Ländern (wie wohl auch die Industrie) haben zur Zeit offensichtlich nur auf der Agenda, potentielle E-Autorfahrer(innen) mit Kauf- und Steueranreizen zu überzeugen. Für vernünftige Großkonzepte zu Ladestruktur und m,ehr fehlt offenbar die Ein- und Übersicht – wohl auch wegen der vielen anderen aktuellen politischen Baustellen und Probleme. Vielleicht spielt auch die Angst mit, bei allzu ehrgeizigen Planungen und Vorgaben noch mehr bürgerliche Dauernörgler und Wutbürger den braun-blauen Populisten und Opportunisten von der AfD in die ‚Wahlarme‘ zu treiben.. Ideen, wie man aus diesem Teufelskreis herauskommen könnte, fallen mir spontan nicht ein.