Jürgen Habermas

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  • Beitrag zuletzt geändert am:23. März 2026

Am 14. März dieses Jahrs starb mit Jürgen Habermas Deutschlands wirkmächtigster Philosoph, schreiben manche Kommentatoren. Er wurde 96 Jahre alt.

Wie komme nun ich als philosophisches und literarisches Leichtgewicht dazu, etwas über Habermas schreiben zu wollen, das für die geneigte Leserin auch noch erhellend sein könnte? Obwohl ich nie ein Buch von ihm gelesen habe, mir nur bruchstückhafte Formulierungen wie die vom „herrschaftsfreien Diskurs“ oder dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ im Kopf herumgehen?

Erst beim Anschauen des Videos von Walther Ziegler ist mit bewusst geworden, wie stark sich trotzdem mein Denken und meine Ideale bei ihm wiederfinden. Und das ist auch der Grund dieses Aufschriebs: Jeder möge einmal in sich horchen, ob und was sich auch in ihm bzw. ihr an Habermasschem Erbe findet. Ich denke, das ist sehr erhellend. Letztlich bleibt es auch unbedeutend, ob das Erbe nun direkt von ihm stammt oder wir alle nur Kinder einer Zeitepoche waren bzw. sind. Ich entwickle meine Inhalte anhand einiger Zitate, die Walter Ziegler präsentiert:

Das, was uns aus der Natur heraushebt, ist […] die Sprache.

Wie lange haben wir das Gefühl gehabt, irgendwie nicht zur Natur zu gehören? Dass wir also auf magische Art und Weise aus ihr herausgehoben sind? Die Einsicht, dass wir – von außen betrachtet – schlicht „Erde“ sind, habe ich auf meiner Homepage schon wiederholt formuliert: Sowohl das Material unseres Körpers (Asche zu Asche, Staub zu Staub), als auch seine organische und geistige Organisation als Resultat der Evolution sind ganz und gar irdisch. Die Konsequenzen dieser Einsicht möchte ich hier aber nicht vertiefen. Ich würde also lieber formulieren: Was uns von den anderen Bewohnern dieses Planeten wesentlich unterscheidet, ist die Sprache.

Verständigung wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne. (telos = Ziel)

Breiter gefasste Theorien der Kommunikation begreifen die Sprache als ein Mittel der sozialen Regulation: Wer hat hier das Sagen? Was ist wichtig? Was muss getan werden? Wer muss sich unterwerfen? Wer ist wem zugetan usw.? Habermas konzentriert sich auf die Verständigung als Ziel und damit auf das durch die Vernunft begründete gute Miteinander. Teilen wir nicht alle dieses Ideal der Vernunft?

Psychologisch gesehen möchte sich jeder versichern, sowohl als Einzelner in der Gemeinschaft aufgehoben zu sein, als auch in der Gemeinschaft wirken zu können, seinen Beitrag zum Gelingen beizutragen. Dazu muss man aber über alles sprechen dürfen. Ein „herrschaftsfreier Diskurs“ kann aber nur unter „idealen Sprechsituationen“ gelingen, die folgende Bedingungen erfüllen müssen:

Alle potentiellen Teilnehmer eines Diskurses müssen die gleichen Chancen haben, kommunikative Sprachakte zu verwenden, sodass sie jederzeit Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort perpetuieren können.

Das übersetzt sich für mich kurzgefasst so: Alle müssen so frei reden dürfen, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Habermas formuliert also ein Freiheitsideal, nämlich das der Aufklärung.

Alle Diskursteilnehmer müssen die gleiche Chance haben, Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch […] zu begründen oder zu widerlegen, so dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt.

Unerwünschte Herrschaft im Diskurs bedeutet ja gerade, dass bestimmten Personen oder Sätzen nicht widersprochen werden darf oder dass bestimmte Fragen oder ganze Themenkomplexe gar nicht aufgeworfen werden dürfen.

Ich werde die These entwickeln, dass jeder kommunikativ Handelnde im Vollzug einer beliebigen Sprechhandlung universale Geltungsansprüche erheben und ihre Einlösbarkeit unterstellen muss.

Diese „steile These“ leuchtete mir zunächst gar nicht ein. Aber im Weiteren führt er aus:

Sofern er überhaupt an einem Verständigungsprozess teilnehmen will, kann er nicht umhin, die folgenden und zwar genau diese Ansprüche zu erheben:

  1. Sich verständlich auszudrücken
  2. Etwas zu verstehen geben
  3. Sich dabei verständlich zu machen
  4. Und sich miteinander zu verständigen

Ich habe diese Punkte so verstanden:

  1. Die benutzten Wörter und grammatikalischen Strukturen müssen bekannt und akustisch eindeutig wahrnehmbar sein.
  2. Es muss ein Inhalt, eine Botschaft transportiert werden.
  3. Man muss sich darum bemühen, mit seinem Anliegen verstanden zu werden.
  4. Ziel ist – oder sollte sein – ein gemeinsames Verständnis bzw. ein gemeinsames Urteil über den Sachverhalt zu erlangen.

Aus konstruktivistischer Sicht, der ich anhänge, greift die Metapher, dass bei der Kommunikation Botschaften transportiert werden (= das Geben), nicht nur zu kurz, sondern daneben: Die Bedeutung einer Nachricht, also die Botschaft, ist ein Konstrukt des Empfängers anlässlich der Rezeption des Gesagten, nicht des Gemeinten. Nur diese Einsicht erklärt elegant das Entstehen von Missverständnissen, auch wenn sich ein Sprecher klar und deutlich artikuliert hat. Aber ich verstehe und bejahe natürlich diese vier Punkte, die er noch einmal aus anderer Perspektive beleuchtet:

Ziel der Verständigung ist die Herbeiführung eines Einverständnisses, welches in einer Gemeinsamkeit des

  1. wechselseitigen Verstehens,
  2. des geteilten Wissens
  3. des gegenseitigen Vertrauens
  4. und des miteinander Übereinstimmens

terminiert.  (also endet)

Einverständnis beruht auf der Basis der Anerkennung der vier korrespondierenden Geltungsansprüche

  1. Verständlichkeit
  2. Wahrheit
  3. Wahrhaftigkeit
  4. Und Richtigkeit

Man beachte, dass die vier Punkte aller Aufzählungen korrespondieren – insbesondere darin, dass das Konzept des Richtigen nur in der Gemeinschaft gefunden werden kann. Richtig ist nur das, mit dem alle gut leben können!

Wir alle als Kinder einer friedlichen und freiheitlichen Gesellschaft können uns kaum noch die Welten vorstellen, in denen die meisten unserer Vorfahren über beinahe die ganze Zeit der Menschheitsgeschichte lebten und in vielen Teilen der Welt immer noch oder schon wieder leben müssen: Nämlich in einer Welt des Oben und Unten, wo dekretiert wird, was gilt und wo man nicht aufmucken darf. Die Ideale Habermas‘ ersetzen also letztlich die Machtansprüche zur Durchsetzung von Interessen, die sich im Zwang äußern: Alle beugen sich dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“.

Jetzt kommt das große Aber: Lehrt uns unsere Lebenspraxis nicht das Gegenteil? Man weiß nicht, warum der Andere seine Aussagen für so bedeutsam hält und kommt mit seinen eigenen Argumenten nicht rüber. Man meint, mehr zu wissen als der Andere oder versteht dessen Rede nicht. So kann nur wenig Vertrauen entstehen und übereinstimmen kann man schon gar nicht! Trotzdem scheinen wir eine Art Idealismus an den Tag zu legen, die dem Schicksal des Sisyphos ähnelt: Wir mühen uns beständig, den Felsen der gemeinschaftlichen Überzeugung bergan zu rollen, um besser miteinander in dieser Welt zurecht zu kommen. Doch immer wieder zieht es ihn in die Tiefe und wir müssen bzw. wollen (!) wieder aufs Neue anfangen.

Natürlich ist mir bewusst, dass all dies sicherlich nur eine oberflächliche Betrachtung von Habermas‘ Werk sein kann. Auch ist mir bewusst, dass man an beinahe jeder Stelle aus soziologischer bzw. psychologischer Sicht argumentativ intervenieren bzw. den Diskurs aufweiten kann. Aber auch dabei sollte man besagte ideale Sprechsituation anstreben, um gemeinsam mehr von der Welt zu verstehen!

Übrigens unterhalten sich auch Lanz und Precht hörenswert über Habermas in diesem Podcast.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Dorothee Kirchner

    Lieber Martin, danke für deine gute Darstellung vom Habermas Prinzip.
    Wir alle können noch viel lernen von ihm und zum Glück ist uns die Sprache von der Natur gegeben. Wir sollten sie mehr nutzen um miteinander eine Lösung für unsere Probleme in dieser schwierigen Zeit zu finden .

    Liebe Grüße
    Deine Schwester

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