Klimakrise, Artensterben, Ozean-Vermüllung und –Versauerung, planetare Grenzen, teures Benzin, Straße von Hormus, Energiewende, Iran-Krieg… die Liste der Probleme unserer Zeit ließe sich beliebig fortführen. Wer will da noch den Überblick behalten? Dies ist der Punkt, an dem einprägsame Bilder – Ikone – uns Orientierung geben können. Selten ist mir das so bewusst geworden wie beim Carbon Pulse, zu Deutsch mit „Kohlenstoff-Spitze“ vielleicht am besten übersetzt. Doch seht selber und verpasst nicht die entscheidenden Sätze am Ende dieses Artikels. Beginnen wir mit der allseits bekannten Darstellung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe:
Die Kurven steigen seit 150 Jahren stetig an und es scheint kein Ende in Sicht. Verbrauch bedeutet aber auch, dass der Müll der Verbrennung – das CO2 also – irgendwo landet. Genau: in der Atmosphäre und (zu 90%) in den Ozeanen dieses Planeten. So schnell die erneuerbaren Energien, die ja idealerweise die längst überfällige Energiewende herbeiführen sollen, auch aufwachsen: Sie führen keineswegs zur Verringerung des fossilen Verbrauchs, sondern scheinen lediglich den übermäßigen Stromhunger unserer auch elektrischen Zivilisation stillen zu können. Die Künstliche Intelligenz lässt grüßen.
Doch wie wird es mit diesem Diagramm nach rechts, also in die Zukunft gesehen, weitergehen? Was wird aus den drei tragenden Säulen Kohle, Erdöl und Erdgas? Man muss kein Spezialist sein, um zu wissen, dass die Vorräte an fossilen Brennstoffen, vor allem die leicht zugänglichen, bald aufgebraucht sein werden. Dann ist Schluss bzw. sie werden so teuer, dass die Förderung niemand mehr bezahlen kann. Oder aber die Klimakrise spitzt sich derart zu, dass wir aufhören MÜSSEN, sie weiter zu verbrennen. Dann wird die Kurve wieder drastisch absinken. Man bedenke: Um das Klima zu stabilisieren, müssen wir ganz aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen: net zero – netto null Emissionen heißt das. Nehmen wir also an, die Kurve verflacht so, wie sie begann und zoomen aus der Zeit heraus. Das bedeutet, wir vergrößern den Betrachtungszeitraum, sagen wir auf 1000 Jahre. Und fertig ist der Carbon Pulse:
Betrachten wir die Geschichte der Menschheit, die ja vor ca. 300.000 Jahren begann und – vielleicht – noch 300.000 Jahre weitergeht (das sind dreitausend Jahrhunderte!), dann wird aus dem Puls eine Nadel:
In der kurzen Zeitspanne dieses Pulses werden wir Menschen also alle fossilen Energieträger verbrannt haben, für deren Anhäufung die Erde viele Millionen Jahre benötigt hat. Wir werden das einmalige energetische und kohlen-stoffliche Erbe von Mutter Erde buchstäblich durch den Kamin gejagt haben. Ein qualitativ gleichwertiger Ersatz ist nicht Sicht, geschweige denn verfügbar.
Nun mag man vielleicht sagen: Das ist ja richtig und eine hübsche Spielerei. Aber was habe ich damit zu tun? Warum soll das irgendwie relevant sein? Ganz einfach: Weil wir uns heute nicht nur ganz auf der Spitze des Pulses befinden, sondern beinahe unser gesamte Lebenswelt darauf gebaut ist, dass die zugrunde liegenden Energieflüsse aus fossilen Energiequellen erstens nicht versiegen und zweitens uns auch zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung stehen. Aber beide Annahmen werden sich in absehbarer Zeit als falsch herausstellen. Und was kommt dann? Dann wird sich unsere komplexe und energiereiche Lebenswelt in eine einfache und energiearme verwandeln, in der wir uns – vermutlich – ganztägig um die wesentlichen Dinge des Lebens kümmern müssen: Wasser, Nahrung, Wohnung, Sicherheit, Hygiene, Licht, Heizung, Kleidung, usw. – also alles Bereiche, über die sich meisten von uns im reichen Norden der Erdkugel heute gar keine Gedanken mehr machen. Nate Hagens nennt dies „The Great Simplification“, Nico Paech spricht von der „Postwachstumsökonomie“.
Müssen wir jetzt aber davor Angst haben? Ich meine nein, denn wie hart uns der Abschwung des Carbon Pulse trifft, wird davon abhängen, wie gut wir darauf vorbereitet sind. Die Vorbereitung (wie z.B. die Energiewende) ist nicht billig zu haben, aber sie muss zu Zeiten stattfinden, zu denen wir uns das noch leisten können. Also bevor die ganze Welt ins Kriseln verfällt – wenn sie es nicht schon ist. Denn das Ende der fossilen Brennstoffe wird in jedem Fall – so kennen wir die Menschen – begleitet sein vom Kampf um die letzten Bestände bzw. Rechte, sie noch etwas länger nutzen zu können. Allianzen, die auf Wertegemeinschaften gründen, werden zerbrechen an der ökonomischen „Notwendigkeit“ jedes einzelnen Landes oder Clans, das Letzte für sich noch herausholen zu können.
Auch wenn die Verführung groß ist, die Zusammenhänge des Carbon Pulse mit den anfangs erwähnten Problemen unserer Zeit hier auszuführen: Das möge die geneigte Leserin an anderen Stellen meiner Homepage nachlesen oder sich auch in den Videos von Nate Hagens und Nico Paech anschauen.
