Flugscham

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  • Beitrag zuletzt geändert am:12. März 2026

Dieses Wort ist leider etwas aus der Mode gekommen, obwohl es auf ein Phänomen hindeutet, das wir allzu leicht übersehen: Der Mensch folgt – u.a. nach Ansicht von Jean Piaget – bis zu einem Lebensalter von 12 Jahren einer heteronomen Moral d.h. er kennt und befolgt vorgegebene Regeln. Erst mit dem Erwachsenwerden kommen eigene Urteile und Regeln ins Spiel, der Mensch entwickelt eine autonome Moral (siehe z.B. hier).

Flugscham ist nun ein Beispiel für eine ganz und gar autonome moralische Regung, denn für die Entwicklung einer entsprechenden heteronomen Richtungsgebung war ja noch gar keine Zeit.

Flugscham resultiert aus einer einfachen Betrachtung und logischen Ableitung:

  1. Das massenhafte Auftreten des Menschen und seine globale Mobilität hat durch das Verbrennen fossiler Energieträger zum Klimawandel geführt.
  2. Obwohl schon vor über zehn Jahren 195 Staaten das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben, wonach die globale Erwärmung auf „deutlich unter“ zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden soll, steigen die jährlichen CO2-Emissionen unaufhörlich. Dabei müssten sie schleunigst auf null (!) zurück gehen!
  3. Will ich nicht tatenlos zusehen, wie der jetzige Klimawandel über eine Klimakrise in eine Klimakatastrophe mündet, leiste ich meinen Beitrag, um diese abzuwenden: Ich kehre zunächst einmal vor der eigenen Tür. Ansonsten werde ich gar nicht gehört und alle meine Aktivitäten des Handprint verlaufen im Sand.

Ein moralisch autonom ausgerichteter Mensch wird also nicht danach fragen, ob es denn eine Vorschrift gibt, die verbietet, weiterhin munter durch die Welt zu fliegen, durch die Meere zu kreuzen oder mit dem Auto Gas zu geben. Doch wer ist schon moralisch autonom? Nach meiner Beobachtung scheinen die meisten Menschen bei diesem Thema gar keiner Moral zu folgen, sondern ganz einfach diesen drei Regeln:

  1. Handle zu deinem Vorteil! Unternehme, was dir Spaß macht! Lebe deine Freiheit!
  2. Vermeide Dinge, die verboten sind oder andere schlimm finden könnten!
  3. Rechtfertige dich für möglicherweise nachteiliges Handeln, indem du darauf verweist, dass andere es ja auch tun.

Das ist also de facto die autonome Moral unserer Zeit, auch wenn sie nirgends (außer hier) aufgeschrieben steht. Und es ist klar, dass damit besagter Krise Tür und Tor zum Abgrund hin geöffnet werden. Für mich immer wieder interessant – und schmerzlich – zu beobachten ist, dass sich selbst Menschen, die zu Recht behaupten, gebildet zu sein, dieser Argumentation verschließen.

Eine autonome Moral, die auch die Perspektive zukünftiger Generationen ins Auge nimmt, muss sich dieser aktuell weit verbreiteten natürlich entgegenstellen. Nicht nur, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern die irdischen Vorräte an Rohstoffen rauben, ohne für Sie eine Perspektive zu schaffen, wie man ohne sie auskommen kann. Nein, wir hinterlassen ihnen auch noch einen überhitzten Planeten, auf dem es ungleich schwerer sein wird, ein Leben in Wohlstand für alle zu realisieren.

Von daher verbietet es sich einem Menschen, der sich eine solche autonome Moral zu eigen gemacht hat, unnötige CO2-Emissionen zu verursachen, vor allem, wenn es um seine Freizeitgestaltung geht. Mit anderen Worten: Beim Besteigen eines Fliegers überkommt ihn die Flugscham und um diese gleich ganz zu vermeiden, bucht er erst gar nicht. Nun wäre die Scham vielleicht noch erträglich, wenn nicht eine ungleich schwerere Last auf dem Fliegen läge: Jemand, der sich besagte Moral auf die Fahnen geschrieben hat, untergräbt seine eigene Position, macht sich unglaubwürdig oder gar lächerlich. Das ist dann schon weit schwieriger auszuhalten.

P.S. Man könnte der letzten Liste noch einen wichtigen Punkt hinzufügen:

  • Verurteile Betrachtungen wie diese als übergriffige Moralkeule, weil sie unsere Lebensfreude torpediert!

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