Wer weiß es?

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  • Beitrag zuletzt geändert am:11. Juni 2026

Die Kleinen wissen, dass sie klein sind. Die Dicken wissen, dass sie dick sind. Nur die Dummen haben mal wieder keine Ahnung!

Diese Feststellung mag arg plump daherkommen. Doch Dummheit, verstanden als die Unfähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen, ist weit verbreitet. Und interessanterweise beobachtet man diese Dummheit auch bei sehr intelligenten und gebildeten Menschen! Doch der Reihe nach. Betrachten wir einmal mögliche Antworten auf die Frage nach dem Wissen über einen beliebigen Sachgegenstand systematisch und beginnen in folgender Grafik – einem Entscheidungsbaum – ganz oben: Wer weiß es?

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Auf diese Frage gibt es zunächst genau zwei Antworten: Entweder ich weiß es – dann ist der Fall klar – oder ich weiß es nicht. In letzterem Falle gehe ich weiter und frage, ob andere es wissen. Auch hier gibt es eine ähnliche Verzweigung. Entweder wissen es andere oder eben auch nicht. Falls nicht, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder man kann es erforschen oder die Antwort wird auf alle Zeiten ein Rätsel bleiben – ignoramibus. Die Frage nach dem Wissen muss also in einem der vier nummerierten Blätter des Baumes, im weiteren Verlauf „Töpfe“ genannt, zu verorten sein.

Doch wozu soll diese Analyse dienen? Bevor wir dazu kommen, sollten wir kurz inne halten und überlegen, was es denn heißt, zu wissen. Oft ist es die Antwort auf Fragen nach dem Wie, Wo, Wer, Wann, Warum, Woher und Wohin. Dieses Wissen ist kein Faktum, sondern eine Selbst- oder Fremdzuschreibung: Ich oder andere behaupten (!), etwas zu wissen und allzu oft bleibt der Nachweis auf der Strecke bzw. es ist nicht einmal klar, wie, also auf welchem Wege man zu Wissen im jeweils vorliegenden Fall kommen kann. Alle Naturwissenschaft zum Beispiel erarbeitet lediglich brauchbare und bestenfalls widerspruchsfreie Modelle der Welt z.B. in Form von Naturgesetzen. Beweisen im mathematischen Sinne kann sie nichts. Ist also das Wissen um das aktuell bewährte und darum favorisierte Modell auch ein Wissen über die Welt? Eher nicht. Beim Thema Wissen ist also grundsätzlich größte Vorsicht geboten!

Als Neugeborene wissen wir fast nichts über die Welt. Aber wir beginnen, unseren Topf #1 zu füllen, indem wir sie aktiv erkunden. Zusätzlich bemühen sich andere – die Erwachsenen – um einen Wissenstransfer von Topf #2 nach Topf #1, z.B. in der Schule. Gleichzeitig wächst in uns aber auch eine Vorstellung des Wissensbaumes: Zu allen Fragen, auf die wir keine Antwort haben, sammeln wir Argumente für die Zuordnung zu den Töpfen 2-4.

Wie eingangs erwähnt, tendieren wir allzu leicht zum Glauben, etwas zu wissen. Beispielhaft möchte ich meine persönliche Beobachtung anführen, mit welcher Leichtigkeit viele gebildete Menschen behaupten, dass die Klimakrise ja nun wirklich nicht so bedrohlich sei, wie von Experten festgestellt. Dieser latenten Neigung zum Scheinwissen setzt Sokrates sein berühmtes „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ entgegen. Ich verstehe es als Mahnung an unsere intellektuelle Redlichkeit, nicht leichtfertig Wissensbekundungen von uns zu geben oder – genau so schlimm – uns selber in die Tasche zu lügen. Siehe auch den Dunning-Kruger-Effekt!

Unsere Kultur ist – unter anderem – geprägt durch eine intensive Erforschung der Welt. Tausende von Wissenschaftlern sind tagein tagaus damit beschäftigt, Fragen im Topf #3 zu bearbeiten und Topf #2 mit Antworten zu befüllen. Aber leider, leider: Je mehr man hier „umtopft“, umso voller wird Topf #3. Man sagt, in der Wissenschaft erzeugt jede Antwort zwei neue Fragen. Dieser zentralen Erkenntnis sollte man einmal selbst nachspüren!

Auch stellt sich die Frage, welche Gebiete überhaupt erforscht werden sollten. Welche Interessen sind da im Spiel? Unser Wirtschaftssystem des Kapitalismus z.B. erfordert ständiges Wachstum, das fast immer mit erhöhtem Ressourcenverbrauch einhergeht. Dabei haben wir längt die planetaren Grenzen erreicht; weiteres Wachstum schadet also. Dieses Wissen ist Konsens. Doch werden Auswege aus diesem Dilemma meines Erachtens viel zu wenig diskutiert bzw. erforscht. 

Oft habe ich beobachtet, dass Menschen den Umfang des Wissens in Topf #2 massiv unterschätzen, sich also nicht vorstellen können, was alles längst erforscht ist. Dann zweifeln sie vorschnell an der Verlässlichkeit von Expertenaussagen und kommen zu falschen Schlussfolgerungen. Oft werten sie ihr Misstrauen gar als Beweis für die Falschheit unbequemer Nachrichten! Das ist natürlich ein logischer Fehlschluss, doch Wunschdenken siegt leider zu oft über kritisches Nachdenken.

Ein wichtiges Ziel auf der Bildungsreise unseres Lebens ist also auch, hier eine gute Orientierung zu entwickeln und zu erhalten! Soll heißen, wir sollten uns zielgerichtet ein Meta-Wissen erarbeiten, also ein Wissen vom Wissen: Auf welche Fragen finden sich die Antworten vermutlich in welchem Topf? Diese Aufgabe betrifft uns alle gleichermaßen, weil wir eben nur in einem überschaubaren Sachgebiet Experten sein können, wenn überhaupt.

Diese Orientierung hilft uns dann auch bei der Beurteilung von Aussagen anderer, die eine Zuordnung behaupten. Beispiele:

  1. Manche geben vor, etwas zu wissen, das wir nicht wissen (Topf #2), von dem wir aber überzeugt sind, dass hier noch viel Forschung notwendig ist oder das Wissen in Topf #4 liegt, also unerreichbar ist. Wir müssen sie also kritisch hinterfragen: Welche Argumente bringen die anderen vor?

  2. Oft benötigt man zur Prüfung der Argumentation eines Experten Wissen, über das man ebenfalls nicht verfügt und sich auch nicht auf die Schnelle erarbeiten kann. Was macht man da? Hier könnte das Konzept eines Vertrauensnetzes greifen, dessen Beschreibung ich hier nicht liefern kann, siehe aber dort.

  3. Manche behaupten, dass eine spezielle Frage für immer unbeantwortet bleiben wird (Topf #4). Wir können aber Argumente anführen, warum wir glauben, dass man es erforschen kann. Wissenschaft bemüht sich ja um den Transfer von Topf #3 nach #2.

  4. Philosophen interessiert die Unterscheidung zwischen den Töpfen #4 und #3. Da kommen Fragen auf wie: „Woher kommt die Welt“ oder „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Nach meiner Einschätzung werden diese Fragen für immer in Topf #4 bleiben müssen.

  5. Aber auch Wissenschaftler sind dort unterwegs. Z.B. wollen sie erkunden, wie genau das Leben auf die Erde gekommen ist. Nach meiner Überzeugung müssen wir auch diese Antwort in Topf #4 belassen. Zwar kann man durch Forschung und Experimente plausible Modelle entwickeln, z.B. wie sich in einer RNA-Welt Vorstufen heutiger Organismen entwickelt haben könnten, doch genau wird man die Frage sicher nicht beantworten können, weil keine materiellen Überreste aus diesen Zeiten verfügbar sind und auch nie verfügbar sein werden.

Man spiele den Entscheidungsbaum einmal mit verschiedenen Fragestellungen durch und überlege, welche Konsequenzen das hat!

Unser Verstand ist immer auf der Suche nach Orientierung. Am liebsten wollen wir alles wissen, obwohl das vermutlich unerträglich wäre, insbesondere, was Wissen über die Zukunft betrifft. Letztlich müssen wir uns damit zufrieden geben, plausible Gründe für die Zuordnung zu den Töpfen formulieren und argumentativ verteidigen zu können. Ich kann mich mit dieser Situation gut abfinden und erlebe eine sachgerechte Diskussion darüber immer spannend.

Kommen wir zu den Alleswissern: Aktuell übertreffen die großen Sprachmodelle (LLMs) wie z.B. ChatGPT mit ihrem allumfänglichen Wissen jeden einzelnen Menschen bei Weitem. Wäre es angemessen zu sagen, dass LLMs uns allen das wichtigste Wissen aus Topf #2 zur auf bequeme Art Verfügung stellt? Ich glaube ja. In jedem Fall können sie schneller als jeder Mensch brauchbare Zusammenstellungen von vorhandenem Material liefern, seien es zusammenfassende Berichte, Aufgabenblätter, Reise- und Therapiepläne, sogar abstrakte Konzeptionen. Und sie können uns auf einfache Fragen hin sekundenschnell Lösungen für ganz konkrete, im weiten Sinne technische Probleme liefern – vorausgesetzt, diese wurden dem Modell antrainiert oder können durch Rückgriff auf externe Quellen leicht gefunden werden.

Doch wie sieht es mit den Töpfen #3 und #4 aus? Können LLMs, könnte Künstliche Intelligenz (KI) auch selbständig forschen, d.h. Antworten, die wir in Topf #3 vermuten nach #2 und somit auch nach #1 bringen? Das hängt wohl stark davon ab, was wir unter „forschen“ verstehen wollen, doch eine Erörterung dieser Frage übersteigt nun sicher den Umfang dieses Aufschriebs.

Bliebe noch Topf #4. Ich sehe nicht, das eine KI hier einen Beitrag liefern könnte d.h. Fragen diesem Topf entreißen, also bis dato unbeantwortbare Fragen in den Bereich des Erforschbaren rücken. Liege ich da wohl richtig?

Übrigens: Mit demselben Modell lässt sich auch das Können modellieren. Man fragt also: Wer kann es? – Ich kann es, oder auch nicht – Andere können es, oder auch nicht – Man kann es üben – Niemand wird es je können. Auch dazu werden der geneigten Leserin sicherlich viele Beispiele einfallen.

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