Die erste Generation schafft Vermögen,
die zweite verwaltet Vermögen,
die dritte studiert Kunstgeschichte,
und die vierte verkommt vollends.
Dieses Otto von Bismarck (1815-1898) zugeschriebene Zitat lässt aufhorchen. Diskreditiert er nicht in mieser Art Student*innen der Kunstgeschichte und deren Kinder? Nein, das wäre daneben gegriffen, wie eine einfache Überlegung zeigt: Es kann sich ja niemand aussuchen, in welche Generation er oder sie geboren wird und ist darum, zumindest was obige Überlegung angeht, geprägt durch die herrschenden Lebensumstände und Kultur.
Giambattista Vico konfrontierte seine Zeitgenossen schon 1725 mit einer ähnlichen Erkenntnis:
Zuerst fühlen die Menschen das Notwendige, dann achten sie auf das Nützliche, darauf bemerken sie das Bequeme, weiterhin erfreuen sie sich am Gefälligen, später verdirbt sie der Luxus, schließlich werden sie toll und zerstören ihr Erbe.
Doch handelt es sich in beiden Fällen tatsächlich um ein Gesetz oder besser: Eine empirisch gestützte Hypothese?
Angenommen, es wäre wirklich so, wofür meines Erachtens viel spricht. Dann würde sich dadurch doch ein dramatisches kulturelles Defizit offenbaren: Nämlich die Tatsache, dass den Menschen die Orientierung verloren geht, sobald sie sich mit Fleiß ein angenehmes Leben eingerichtet haben. Dann haben sie kein Ziel mehr, auf das hin sie arbeiten können, auch, um ihre Lebenszeit sinnvoll zu investieren. Erinnert das nicht fatal an unsere Zeiten?
Hört man die täglichen Nachrichten und Kommentare in beinahe allen Medien, kommt man zum Schluss, dass nicht die Wirtschaft unser Wohlergehen zum Ziel hat, sondern dass wir uns – beinahe um jeden Preis – anstrengen müssen, wirtschaftliches Wachstum zu generieren. Hier wird der Karren also vor den Esel gespannt, hätte man früher gesagt: Nicht die Wirtschaft dient uns, sondern wir dienen der Wirtschaft. Dass wir unterwegs den Planeten ruinieren, nehmen wir dabei billigend in Kauf.
Was müsste Kultur also in diesem Falle leisten? In allen Zivilisationen der Welt gilt es als unmoralisch, im täglichen Umgang körperliche Gewalt bzw. Nötigung oder Erpressung einzusetzen, um seine persönlichen Ziele zu erreichen. (Nun ja, man muss heutzutage auf politischer Ebene schon fast sagen, es galt als unmoralisch!). Unsere Kultur vermochte es also, den instinktiven Impuls des Stärkeren zu zähmen, seine Überlegenheit rücksichtslos auszunutzen.
In gleicher Weise müsste eine neue kulturelle Zutat (in Form eines großen Narrativs?) verhindern, an einem zerstörerischen Fleiß festzuhalten. Sie müsste den Menschen eine Orientierung zu vermitteln, die ihm sagt, was lohnende Ziele für ein sinnvoll geführtes Leben sein könnten, wenn der eigene Wohlstand gesichert ist. Mir fallen da eine Menge solcher Ziele ein, aber darüber mag die geneigte Leserin ja vielleicht viel lieber selbst sinnieren – und sich dann aufmachen, diese Ziele mit anderen erst zu abzustimmen und dann zu propagieren!
